Mittwoch, 19. April 2017

Rezension | Der Koffer

Der Koffer | Robin Roe | Königskinder Verlag | HC | 432 Seiten | 19,99€ | ✼✼✼✼✼

Klappentext
»Wie viele Sterne?«, hat Julians Vater immer gefragt, wenn er ihn abends ins Bett brachte. Zehntausend-Sterne-Tage waren die besten überhaupt. Doch Julians Eltern sind tot. Seit er bei seinem Onkel wohnt, ist ihm ist nichts geblieben als Geheimnisse und ein Koffer voller Erinnerungen. Als Julian seinem Pflegebruder Adam wiederbegegnet, ist er zunächst voller Glück. Adam, der so nett ist und so tollpatschig und trotzdem zu den Coolen gehört. Doch es ist schwierig Vertrauen zu fassen. Und je mehr Vertrauen Julian fasst, desto mehr kommt Adam hinter seine Geheimnisse. Das bringt sie beide in große Gefahr.

Meine Meinung:
Was ich schon zu Anfang des Buches festgestellt habe (nach nur wenigen Seiten, um genau zu sein), möchte ich euch als erstes in meinem Meinungsbild schreiben: Dieses Buch ist etwas ganz besonderes. Dieser Satz mag banal klingen, weil wir das Wort "besonders" häufig ziemlich überstrapazieren, aber es trifft in meinen Augen den Nagel auf den Kopf.
Robin Roe nähert sich in Der Koffer einem großen Tabuthema. Körperliche Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist eine Problematik, die viele Menschen abschreckt und die viel zu häufig lieber totgeschwiegen wird, weil es einfacher ist. In ihrem Buch beschönigt sie nichts und trotzdem wirkt die Handlung weder aufgesetzt, noch gewollt überdramatisiert. - Denn ein solches Thema ist tragisch genug, als dass man es überziehen müsste, um eine Wirkung zu erreichen.
Hinzu kommt ein Schreibstil, der mich regelmäßig geradezu in das Buch gesogen und mich in der Straßenbahn zweimal meine Haltestelle verpassen lassen hat. So in eine Geschichte versunken, war ich wirklich selten!
Die Geschichte wird aus den Perspektiven von Julian und Adam erzählt, zwei sehr unterschiedliche Jungen, die jeder ihren eigenen "Koffer" zu tragen haben (auch im metaphorischen Sinne). Adam ist in der Abschlussklasse und obwohl er weder unglaublich cool und draufgängerisch, noch wild und aufmerksamkeitsheischend ist, sehr beliebt. Er hat ADHS, kann das inzwischen jedoch recht gut kontrollieren. Als er nach mehreren Jahren auf seinen früheren Pflegebruder Julian trifft, merkt er ihm sofort die Veränderung zu damals an. Er ist sehr in sich gekehrt. Man kann beim lesen das Buches geradezu physisch spüren, wie sich Julian immer kleiner zumachen versucht. Das ist für Julian jedoch eine Herausforderung, denn er möchte zu Julian durchdringen und trifft dabei auf unschönere Dinge, als er vermutet hätte. Die Charaktere sind sehr stark konstruiert! Schon in ihrer Sprache merkt man die aktuellen Stimmungslagen, erkennt Gedanken, die noch gar nicht direkt angesprochen werden und bekommt einen sehr intensiven Eindruck der Charaktere. Das führt soweit, dass ich beim Lesen schon fast das Gefühl hatte, die Schmerzen und Freuden der Protagonisten direkt mitzuerleben, selbst zu spüren. Das, gepaart mit der großen Handlung, den angerissenen Themen (wie eben bspw. ADHS und welche Auswirkungen diese Krankheit auf ein Leben hat) und dem einprägsamen Schreibstil führten für mich zu einem so erlebbaren Leseereignis, dass ich selbst, wenn ich das Buch zu Seite legte noch die Gefühle wie ein Nachbeben spürte.
Fazit
Der Koffer ist ein großes Buch! Es regt an, rüttelt auf, bringt Schmerz, Freude und Glück. Für mich war es eine ganz eigene Leseerfahrung, die mich zittern ließ, mich erschütterte, mich fallen ließ und wieder auffing. Eine Achterbahn der Gefühle und eine Freundschaft, die es so in den Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe, noch nicht gegeben hat. Von mir bekommt Robin Roes Der Koffer sechs von fünf Sternen und ihr eine absolute Leseempfehlung!

✼✼✼✼✼ +

Danke an Carlsen, dass ich dieses wundervolle Buch im Rahmen der #ichbineinKönigskind-Aktion bekommen durfte!

1 Kommentar:

  1. Aaah, Mareike, ich hasse gerade meinen Feedreader. ;) Der hat mir nämlich deine letzten Beiträge vorenthalten und dadurch bin ich erst jetzt auf deine wunderbaren Artikel zu den Königskinderbüchern gestoßen. Ich werde diese also jetzt erst einmal nachholen. :D

    Bei "Der Koffer" war ich mir nach dem Klappentext und dem Anlesen auf der Messe unsicher, ob es auf meine Merkliste wandern soll, weil ich das Buch gar nicht einschätzen konnte. Dank dir habe ich da nun ein klareres Bild. Und dass dich das Buch so berührt hat, ist wundervoll - und irgendwie auch so typisch für die Königskinder-Bücher. :) Der Verlag sucht sich einfach immer außergewöhnliche Geschichten aus. Mich interessiert aus dem Frühjahrsprogramm vor allem "Cavaliersreise", dicht gefolgt von "Mein Name ist nicht Freitag". Zu ersterem hast du ja auch geschrieben und dort klicke ich mich jetzt als nächstes hin. :)

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